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Steffi Stein muss schon wieder über die BriXpo berichten

Fast zwei Jahre war es ruhig um unsere Redaktorin Steffi Stein.

Nach ihrem ersten Einsatz für Noppen News hatten wir angenommen, sie würde sich journalistisch weiterentwickeln. Steffi selbst spricht von einer «Phase der beruflichen Neuorientierung» und davon, dass sie sich künftig vermehrt «im gesellschaftlich relevanten Kulturjournalismus» sehe.

Eine Anfrage des Kaufleuten steht offenbar noch aus.

Auch mit Galas, roten Teppichen und internationalen Filmstars hat es bislang nicht geklappt.

Deshalb ist Steffi zurück.

Ihre Begeisterung darüber hält sich in Grenzen. Unsere ebenfalls.

Kurz vor der BriXpo26 haben wir sie trotzdem zu Michael Strasser, Präsident des Vereins BriXpo, geschickt. Schliesslich soll guter Journalismus auch dort stattfinden, wo niemand freiwillig hinwill.


Steffi Stein: Michael, am 29. und 30. August findet im Zeughaus Uster wieder die BriXpo statt. Über 50 erwachsene Menschen aus drei Ländern reisen dafür teilweise mehrere hundert Kilometer an, um kleine Plastiksteine auf Tische zu stellen. Dazu kommen Kinder, die dasselbe tun. Bevor wir uns mit den Details beschäftigen: Gibt es irgendwann einen Punkt, an dem man sich als Organisator fragt, ob man seine Freizeit nicht sinnvoller verbringen könnte?

Michael Strasser: Regelmässig.

Steffi: Und?

Michael: Bis jetzt hat es nichts gebracht.


Steffi: Dieses Jahr kündigt ihr die BriXpo mit «Alles hat ein Ende. Oder auch nicht?» an. Das klingt entweder nach grossem Abschied, verzweifeltem Marketing oder einer Drohung, dass ihr weitermacht. Was davon trifft zu?

Michael: Vermutlich etwas von allem. Das Zeughaus wird um- und ausgebaut. Deshalb ist es vorerst unsere letzte BriXpo dort. Für uns ist das schon speziell, weil hier alles angefangen hat.

Steffi: «Alles» ist grosszügig formuliert. 2023 habt ihr hier eure erste BriXpo veranstaltet. Ihr habt mit vielleicht 1'000 Menschen gerechnet, eventuell 2'000, wenn es hervorragend läuft. Gekommen sind 6'500. Das wird heute gerne als Erfolgsgeschichte erzählt. Wenn ich richtig informiert bin, war eure damalige Reaktion aber weniger «Wir haben es geschafft!» und mehr «Oh Scheisse».

Michael: Das trifft es ziemlich gut.

Steffi: Ihr hattet also keine Ahnung, wie man 6'500 Menschen durch eine Veranstaltung führt?

Michael: Nein.

Steffi: Und eure Lösung bestand unter anderem darin, zum Coop am Bahnhof zu rennen und Glace zu kaufen.

Michael: Am Sonntag war die Warteschlange lang. Wir hatten Angst, dass die Leute unzufrieden werden.

Steffi: Andere Veranstalter beschäftigen für solche Situationen Crowd-Manager.

Michael: Wir hatten Glace.

Steffi: Immerhin hat niemand behauptet, ihr wäret überorganisiert.


Steffi: Seitdem habt ihr über 20 Veranstaltungen durchgeführt und insgesamt mehr als 40'000 Besucher empfangen. Normalerweise kommt an dieser Stelle die Geschichte vom kleinen Projekt, das immer grösser, professioneller und kommerziell erfolgreicher wird. Bei euch kostet ein Familienticket für bis zu sechs Personen 22 Franken. Habt ihr das mit dem Kapitalismus einfach nicht verstanden?

Michael: Wir wollen mit den Veranstaltungen nicht möglichst viel Geld verdienen. Die Einnahmen müssen die Kosten decken, unsere Aussteller und Helfer sollen verpflegt werden und ein kleines Dankeschön bekommen. Was übrig bleibt, fliesst wieder in andere Projekte und Veranstaltungen.

Steffi: Also viel Arbeit, viel Verantwortung, viel Stress und kein nennenswerter Gewinn.

Michael: Ungefähr.

Steffi: Und du hast dich freiwillig zum Präsidenten gemacht?

Michael: Ja.

Steffi: Ich notiere «mangelnder Geschäftssinn».


Steffi: Kommen wir zu euren Ausstellern. In der klassischen LEGO-Fanszene begegnet man – vorsichtig formuliert – auffallend häufig Männern jenseits der 40. Ihr hingegen lasst offenbar praktisch jeden ausstellen. Euer jüngster Aussteller ist dieses Jahr neun. Keine Jury, keine Vorauswahl, keine Prüfung, ob das Modell überhaupt euren Vorstellungen entspricht. Ist das eine bewusste Philosophie oder wollt ihr einfach niemandem sagen müssen, dass sein Raumschiff hässlich ist?

Michael: Ersteres. Und vielleicht ein bisschen Zweiteres.

Für uns gibt es keinen Grund, warum jemand erst irgendeinen Qualitätsstandard erfüllen muss. Wir alle haben irgendwann angefangen. Ein Kind kann auf seine Kreation genauso stolz sein wie jemand, der seit 30 Jahren baut.

Es gibt auch nicht das eine «schöne» Modell. Manche bauen unglaublich detailgetreu, andere komplett frei. Entscheidend ist für uns, dass jemand Freude daran hat und etwas zeigen möchte.

Steffi: Das heisst, der Neunjährige steht tatsächlich zwischen den erwachsenen Ausstellern?

Michael: Natürlich. Er ist Aussteller.

Steffi: Und wenn sein Modell objektiv schlechter ist?

Michael: Wer entscheidet denn, was objektiv schlechter ist?

Steffi: Ich zum Beispiel. Ich bin Journalistin.

Michael: Das eine qualifiziert dich nicht automatisch für das andere.

Steffi: Lass uns nicht über Qualifikationen sprechen. Das könnte für uns beide unangenehm werden.


Steffi: Was ich ebenfalls nicht verstehe: Ihr habt Tausende Besucher, darunter sehr viele Kinder, und verzichtet weitgehend auf Absperrungen. Bei anderen Ausstellungen steht zwischen mir und einem wertvollen Modell mindestens ein Absperrband, gelegentlich Plexiglas und im Idealfall ein schlecht gelaunter Sicherheitsmitarbeiter. Bei euch steht da nichts. Warum?

Michael: Weil wir unseren Gästen vertrauen.

Steffi: Kindern?

Michael: Auch Kindern.

Steffi: Hast du welche kennengelernt?

Michael: Ich habe drei.

Steffi: Dann macht mir diese Entscheidung noch mehr Sorgen.

Michael: Wir möchten, dass die Besucher nahe herankommen. Man soll Details entdecken können und vor allem mit den Menschen sprechen, die das gebaut haben. Wir wollen keine Distanz zwischen Aussteller und Besucher.

Steffi: Und wenn etwas kaputtgeht?

Michael: Dann repariert man es meistens.

Steffi: Diese Gelassenheit möchte ich einmal erleben, wenn jemand einen Todesstern vom Tisch fegt.

Michael: Den Todesstern hatten wir beim Klemmstein.

Steffi: Ich bereue bereits, gefragt zu haben.


Steffi: Über 50 Aussteller aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich sind angemeldet. Als gewissenhafte Journalistin habe ich natürlich versucht herauszufinden, was genau die Besucher sehen werden. Dabei bin ich auf ein Problem gestossen: Du weisst es selbst nicht vollständig. Wie schafft man es, eine Ausstellung zu organisieren, ohne zu wissen, was ausgestellt wird?

Michael: Unsere Aussteller überraschen uns gerne. Viele bauen bis kurz vor der BriXpo. Wir wissen die Themen und ungefähr, was kommt, aber nicht jedes einzelne Modell.

Steffi: Das bedeutet, am Freitag fahren Menschen vor und laden Dinge aus, die du noch nie gesehen hast.

Michael: Ja. Das macht einen Teil der Magie aus.

Steffi: Du sagst Magie. Ich sage Kontrollverlust.

Michael: Wir haben jedenfalls eine Eisenbahnanlage, die grösser wird als letztes Jahr, eine Piratenanlage, tolle Gebäude, Mittelalter, Classic Space, Star Wars, alte und neue Themen und ziemlich viel, das sich bewegt.

Steffi: Und der Rest?

Michael: Überraschung.

Steffi: Hervorragende Informationspolitik.


Steffi: Nun könnte eine Familie selbstverständlich auch einfach ins Freibad gehen. Es ist August. Ihr habt stattdessen denkmalgeschützte Hallen voller Klemmbausteine anzubieten. Was spricht für euch?

Michael: Klimatisch einiges.

Steffi: Endlich ein überzeugendes Argument.

Michael: Ausserdem kann man bei uns nicht nur schauen. Es gibt Baubereiche für Gross und Klein, eine modulare Stadt, ein Stop-Motion-Studio, eine Druckstation, bei der man mit LEGO-Steinen eigene Druckplatten baut, ein Glücksrad und Gewinnspiele.

Steffi: Also Beschäftigungstherapie für die Kinder.

Michael: Und Erwachsene.

Steffi: Die bereiten mir ohnehin zunehmend Sorgen.


Steffi: Bei aller berechtigten Häme gibt es einen Teil der BriXpo, über den selbst ich nur schwer etwas Gemeines sagen kann: eure Stille Stunde am Sonntagmorgen. Wobei «Stille Stunde» etwas irreführend ist – ihr setzt die Besucher ja nicht schweigend auf Stühle. Was steckt dahinter?

Michael: Manche Menschen möchten oder brauchen eine reizärmere Umgebung. Eine volle Ausstellung kann laut sein. Menschen reden, Kinder sind begeistert, Modelle bewegen sich, überall passiert etwas.

Während der Stillen Stunde begrenzen wir deshalb die Besucherzahl, verzichten auf Hintergrundbeschallung und flackerndes Licht und lassen bewusst nicht alles laufen.

Steffi: Ihr nehmt also für eine Stunde bewusst weniger Besucher rein, obwohl ihr von Eintrittsgeldern lebt.

Michael: Ja.

Steffi: Wirtschaftlich wieder hervorragend.

Michael: Es ermöglicht Menschen den Besuch, für die unsere Veranstaltung sonst vielleicht zu viel wäre. Von Mal zu Mal nutzen mehr Menschen dieses Angebot, vor allem Familien mit Kindern. Das ist uns wichtiger.

Steffi: Ich hatte gehofft, dich wenigstens einmal bei einer halbwegs egoistischen Entscheidung zu erwischen.

Michael: Du kannst noch etwas suchen.

Steffi: Ich habe leider nur begrenzt Zeit. Irgendwann muss ich zurück ins Büro und auf eine Einladung zur Zurich Film Festival Gala warten.


Steffi: Zurück zum Zeughaus. Wenn ich dich richtig verstehe, ist das nicht einfach irgendeine Halle, die ihr jetzt durch eine andere ersetzt. Ihr seid in Uster entstanden, eure erste grosse Veranstaltung war hier und das Team des Zeughausareals hat euch unterstützt, als noch überhaupt nicht klar war, ob eure Idee funktioniert. Wie schwer fällt es tatsächlich, diesen Ort zu verlassen?

Michael: Schon schwer. Uster ist unsere Heimat. Das Zeughaus hat eine Atmosphäre, die man nicht einfach ersetzen kann. Und hinter einem Ort stehen Menschen. Wir wurden hier von Anfang an unterstützt. Dafür sind wir sehr dankbar.

Aber wir schauen auch nach vorne.

Steffi: Das ist das Stichwort. Ihr habt noch keinen neuen Veranstaltungsort für 2027 bekanntgegeben. Gleichzeitig behauptet ihr ziemlich selbstbewusst, dass ihr 2027 wiederkommt. Ist das Optimismus oder habt ihr tatsächlich einen Plan?

Michael: Wir sind an mehreren vielversprechenden Orten dran. Mehr kann ich momentan noch nicht sagen.

Steffi: Kannst du nicht oder willst du nicht?

Michael: Beides.

Steffi: Endlich wird es interessant.

Michael: Es wird neue Inhalte geben, neue Themen und einen neuen Ort. Und vielleicht dürfen wir 2028 sogar wieder ins neu geschaffene Zeughaus zurück.

Steffi: Und falls nicht?

Michael: Dann beleben wir eben einen anderen Ort.


Steffi: Dann fasse ich zusammen: Ihr wisst nicht genau, was eure Aussteller mitbringen. Ihr wisst wegen eures kaum vorhandenen Vorverkaufs nie so genau, ob 4'000 oder 7'000 Menschen auftauchen. Ihr wisst noch nicht, wo eure nächste BriXpo stattfindet. Ihr verdient damit nicht wirklich Geld. Und trotzdem machen über 60 Aussteller und Helfer freiwillig mit.

Michael: Ja.

Steffi: Warum?

Michael: Das fragen wir uns manchmal selbst.

Aber wahrscheinlich, weil es Spass macht. Weil Menschen zusammenkommen, die sich für etwas begeistern. Dabei ist völlig egal, ob jemand neun oder 59 ist, woher er kommt oder ob er seit drei Wochen oder dreissig Jahren baut.

Wir leben das, was wir ausstellen.

Und am Ende wollen wir eigentlich nur gemeinsam eine gute Zeit haben.

Steffi: Das ist erschreckend wenig zynisch.

Michael: Tut mir leid.

Steffi: Nun gut. Eine letzte Frage: Sonntag, 30. August, 17 Uhr. Die Türen gehen zu. Letzte BriXpo im alten Zeughaus vorbei. Was machst du?

Michael: Abbauen.

Steffi: Natürlich.

Michael: Und dankbar sein, dass wir das alles machen dürfen.

Steffi: Danach endlich Ferien?

Michael: Im Oktober sind wir am HeroFest in Bern.

Steffi: Michael...

Michael: Was?

Steffi: Vielleicht solltet ihr euch ein Hobby suchen.

Michael: Haben wir doch.


BriXpo26 – falls Steffi euch nicht davon abhalten konnte

29. & 30. August 2026
Zeughausareal Uster

Samstag 10–18 Uhr
Sonntag 10–17 Uhr
Stille Stunde Sonntag 9–10 Uhr

Über 50 Aussteller aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich.

Und ja, Kinder dürfen hin. Offenbar ist das sogar ausdrücklich erwünscht.

Noppen News bleibt an der Geschichte dran.
Zumindest bis Steffi Stein endlich jemand ins Kaufleuten einlädt.

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